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In
der Schweiz, in der Schweiz, in der Schweiz.. |
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Wenn
man einfach „Swiss Jura Marathon“ liest, könnte man meinen, es handle
sich um die üblichen 42,195 km, gelaufen irgendwo im Schweizer Jura. Der
Zusatz „Europas längster Berglauf“ würde den unbedarften Leser dann
schon stutzen lassen. Tatsächlich ist der Swiss Jura Marathon ein Lauf über
323 km mit etlichem an Höhenmeter. Zum Glück muß die Distanz nicht an
einem Tag gelaufen werden, vielmehr handelt es sich um 7 Etappen, der Weg
führt die LäuferInnen von Genf nach Basel, immer schön entlang des
Jura-Höhenwanderwegs, im französischen Teil der Schweiz „Chemin des
Cretes“ genannt. Los
geht’s, nach einem samstäglichen Infoabend,
am ersten Sonntag im Juli in Genf, das Startbanner hängt direkt am
Genfer See und die Stadt läßt sogar zu Ehren der Läufer die berühmte
Fontäne zwei Stunden eher als normal in die Luft steigen. Bis nach St.
Cergue müssen die 102 Gestarteten heute, Gesamtlänge der Etappe: 45 km.
Lt. Ausschreibung geht’s 1.200 m rauf und 534 m runter. Knapp 8.500 Höhenmeter
verspricht das Orgateam um Urs Schüpbach den Teilnehmern. Modernste
Technik ist aber bekanntlich für den Läufer 2004 kein Fremdwort mehr und
so haben in diesem Jahr zwei GPS-Nutzer sogar etwas über 9.900 Höhenmeter
ermittelt. Am
ersten Morgen geht’s bei strahlendem Sonnenschein und Fernblick aufs
Mont Blanc Massiv aber erst mal sehr kommod los, die ersten 15 km sind
quasi brettflach und auch danach steigt’s erst mal langsam an. Nach
dem Zieleinlauf in St. Cergue können die Teilnehmer (Läufer, Helfer,
Betreuer) gleich üben, was im Laufe der Woche in Fleisch und Blut übergehen
wird: Gepäck suchen, Matte sichern, duschen, ausruhen, evtl. massieren
lassen (der SJM wird von einem Massageteam begleitet, die Massage ist
kostenpflichtig, aber auch kostengünstig) und dann warten aufs gemeinsame
Abendessen um 18 h. Nach der Raubtierfütterung schlägt die Stunde für
Urs Schüpbach, denn dann werden die Sieger des Tages verlesen, wird die
Meute für den nächsten Tag mental eingestellt und werden 5 x 100
Schweizer Franken unter den Läufern verlost. Um 22 h geht dann in der
Halle das Licht aus und sehr bald hört man nicht mehr als tiefes Atmen,
manchmal auch lautes Schnarchen. Gleich
am ersten Tag zeigt 100 km-Mann Thomas Miksch, der auch als Laufarzt
fungiert und jeden Nachmittag die Blessuren seiner MitläuferInnen
behandelt, auf seinem ersten Etappenlauf, was eine Harke ist. In
Begleitung von SJM-Wiederholungstäger Jens Lukas läuft er 3 min vor
Jurabewohner Christian Fatton und 8 min vor René Strosny aus Filderstadt
über die Ziellinie. Bei
den Frauen übernimmt Helena Althaus aus Basel die Führung. Die berufstätige
Mutter zweier Kinder hat sich von ihrem Mann Rolf überreden lassen, den
SJM 2004 zu meistern. Länger als Marathon war sie vorher noch nie
gelaufen und wunderte sich nach einigen Tagen selbst über ihre Stärke. 3
min nach ihr kommt Carmen Hildebrand, wie Miksch im deutschen 100
km-Nationalteam, in St. Cergue an. Dritte Frau am ersten Tag ist die Südtirolerin
Martina Juda, die eine Viertelstunde länger braucht als die Siegerin. Montag,
7 h – die „Finisher“, die außerhalb einer Zeitwertung und mit täglich
zwei Stunden längerer Zielzeit mitlaufen, begeben sich auf den Weg nach
Vallorbe. Die „Runners“ machen sich zwei Stunden später auf die
Beine, aber tatsächlich zwei Stunden länger schlafen können nur die
Wenigstens, zu unruhig wird es in der Halle, wenn die ersten im Aufbruch
sind. Bereits um 5.30 h haben die Streckenmarkierer St. Cergue verlassen.
Die Strecke wird jeden Tag von drei Zweierteams mit Flatterbändern
markiert und vier Einzelläufer teilen sich die Distanz dann, um die Bänder
und Pfeile hinter den letzten Läufern wieder abzuhängen. Auch dieser
Teil der Organisation ist eine logistische Meisterleistung. Die
zweite Etappe ist 47 km lang, hat 730 Höhen- und 1.021 Tiefenmeter.
Diesmal ist das Wetter ziemlich unbeständig, aber die Läufer sind
begeistert. Bei solchen Distanzen ist fast alles besser als Hitze – von
Schnee vielleicht mal abgesehen. Wie schon am Vortag läuft Helena Althaus
vor Carmen Hildebrand und Martina Juda an den Zeitnehmern vorbei. Thomas
Miksch nimmt seinen gemeinsam ankommenden Verfolgern Christian Fatton und
Jens Lukas 9 min ab. Die
dritte Etappe ist die kürzeste: 37 km lang, 1.380 m rauf, 1.389 m runter.
Die Läufer machen die ganze Woche über immer wieder Bekanntschaft mit
teils riesigen Kuhherden, die Strecke führt teils mitten über die
Weiden. Heute erregt eine Herde schwarzer Rinder mit langen Hörnern die
Aufmerksamkeit der Passierenden – und umgekehrt. Der höchste Punkt ist
heute auf 1.607 m, „Le Chasseron“ heißt der Gipfel des Läuferglücks
am Tag 3 nach Genf. Diesmal
kommt Thomas Miksch 7 sec. nach Christian Fatton und zwei Minuten vor Jens
Lukas am Etappenziel Fleurier an. Bei den Frauen taucht unter den ersten 3
ein neuer Name auf. Hinter Helena Althaus und Carmen Hildebrand wird die
Kanadierein Sally Marcellus mit 25 min Rückstand auf die führende
Schweizerin Dritte. Am
4. Tag nachmittags, auf dem Weg von Fleurier nach La Chaux de Fonds, ist
Bergfest – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Läufer haben die halbe
Strecke nach Basel geschafft. Nicht ganz die Länge eines Marathons hat
diese Etappe, dazu fehlen ihr 195 m. Was sich am Vortag schon andeutete,
wurde an diesem Tag rauhe Wirklichkeit: auf den Höhen des Juras machte
sich dichter Nebel breit. Die Markierer und die ersten Läufer waren
erstaunt, als man ihnen nachmittags davon erzählte, aber je weiter es
nach hinten ging im Feld, desto dichter schlossen die grauen Wolken die Läufer
ein. An manchen Stellen wurde es dadurch schwierig, den Weg zu finden.
Normalerweise sieht man die rot-weißen Flatterbänder schon einige Meter
im voraus, aber bei kleinen Sichtweiten kann das wirklich zum Problem
werden. Hilfsweise kann man sich aber auch an der rot-gelben
Wandermarkierung des Höhenwegs orientieren. Bei
den Männern hatte wieder Thomas Miksch die Nase vorn – und zwar zwei
Minuten vor Jens Lukas und zehn Minuten vor Christian Fatton. Und auch
Helena Althaus konnte die vierte Etappe noch mal vor Carmen Hildebrand
entscheiden, Dritte wurde wiederum Sally Marcellus, die mit einer vierköpfigen
Truppe aus Kanada angereist war. Irgendwann
mußt Du nach Biel. Und wer’s nicht zum 100er schafft, kann Biel auch zu
Fuß auf der 5. Etappe des SJM erreichen. Der Zieleinlauf ist wunderschön
gelegen, direkt am See. Und auch die Unterkunft in der Sporthalle des
Gymnasiums am See ist wirklich prima. Für jeden Läufer sind schon Matten
und ein Kopfkissen ausgebreitet und die Duschen sind auch noch für die Spätankommer
richtig heiß. Dazu kocht der Hausmeister der Schule extra für die
Sportler ein nahrhaftes Risotto – hungrig bleibt eh an den ganzen 7
Tagen niemand. Bevor man allerdings Biel erreicht, sind allerdings erst
noch 53 km mit 1.340 Metern Plus und 1.890 Metern Minus zurückzulegen. Als
Schnellster, wen wundert’s, war wieder einmal Thomas Miksch im Ziel.
Drei Minuten hinter ihm kamen erst René Strosny und vier Sekunden später
Jens Lukas am See an. Bei
den Frauen übernahm erstmals Carmen Hildebrand den Etappensieg. Die
Steinauerin, die für den SSC Hanau-Rodenbach startet, läßt es relativ
gemütlich angehen, läßt sich auch von der Konkurrenz nicht zum Überziehen
animieren und weiß: abgerechnet wird am letzten Tag. Ihr folgen erst nach
einer halben Stunde Helena Althaus und Martina Juda. Biel
verabschiedet die verbleibenden 92 Läufer am nächsten Morgen mit strömendem
Regen. Da fällt es ja fast richtig leicht, die 49 km-Etappe nach Balsthal
anzutreten. Ab jetzt bewegt man sich im deutschsprachigen Teil der
Schweiz. Aber auch hier wird’s nicht einfacher: + 1.634/- 1.590 sagt die
Ausschreibung. Direkt aus Biel raus ist der Anstieg heftig, danach zeigt
das Streckenprofil nur noch relativ kleine Zacken. Jetzt
ist die Zeit von Carmen Hildebrand gekommen. Auf der vorletzten Etappe
nimmt sie Helena Althaus wiederum 17 min ab, zwischen den beiden kommt
Martina Juda als Zweite ins Ziel. Miksch
vor Fatton und Lukas vermeldet die allabendlich ausgehängte Ergebnisliste
bei den Männern. Samstagmorgen
– bereits um 6 h wird die im Laufe der Woche größer gewordene Gruppe
der Finisher auf den Weg geschickt, die Runners starten um 8 h. Zielschluß
ist um 15 h auf dem Münsterplatz zu Basel und weil die Läufer sich
danach in alle Winde verstreuen, wird der Zeitplan auch zügig
eingehalten, die Siegerehrung findet bei einem kleinen Imbiß direkt am Münsterplatz
statt. Bevor
das Ziel der Ziele erreicht ist, werden die Läufer aber erst noch mal so
richtig gefordert: 50 km, + 1.100/- 1.330 – und das alles versetzt mit
heftigen Schlammpassagen. „Wehe wenn sie losgelassen“ könnte man
meinen, wenn man auf dieser letzten Etappe die vorderen Zehn beobachtet.
Jetzt gibt es nichts mehr zu verlieren, nur noch zu gewinnen, man muß
keine Körner mehr für die Folgetage aufheben. Also gilt die Parole
„gib ihm“, die Abstände zu den Vorläufern und Verfolgern sind fest
im Gedächtnis eingebrannt. Und
wieder ist es Thomas Miksch, der das Rennen beherrscht. Sind die ersten
Vier bei km 10,5 noch komplett zusammen, hat er sich bis zum Ziel 3 min
Vorsprung bis zum Zweiten René Strosny herausgearbeitet, Jens Lukas und
Christian Fatton folgen ihm 8 bzw. 15 min später. Das
reicht natürlich auch zum Gesamtsieg für den Bauchchirurgen aus Kempten,
der immer mit Zebra reist und seine Stirnbänder selbst strickt. 26:28:42
h hat er für die 323 km gebraucht, das ist ein Kilometerschnitt von unter
5 min. 27:05:46
h stehen für Jens Lukas als Gesamtzweitem in der Ergebnisliste, Christian
Fatton brauchte 27:22:08 h. Insgesamt blieben 7 Läufer unter 30 h, der
erst 29jährige Christian Messerschmidt von der LG Offenbach wurde mit
30:24:52 h zu seiner eigenen Überraschung 8. Bei
den Frauen war die Einlaufreihenfolge des letzten Tages auch gleichzeitig
die Reihenfolge in der Endergebnisliste. Carmen Hildebrand konnte ihrer
heimlichen Favoritinnenrolle gerecht werden und kam mit 34:33:53 h noch ¾
h vor Helena Althaus über die Strecke. Die brauchte 35:2003 h, gefolgt
von Martina Juda (36:54:32 h). Auch
sonst schmücken in Deutschland bekannte Namen die Ergebnisliste: 24 h-Läuferinnen
Ilona Schlegel und Marianne Dahl (die in Hamburg Ende Mai noch Weltrekord
in der W60 gelaufen war) kamen auf die Plätze 5 und 10. Jörg
Schreiber, Ultra-Europacupsieger 2003, belegte hinter Jochen Höschele
Platz 12. Martin Wagen, Zweiter des Transeuropalaufs 2003 und Sieger des
Run Across America 2002 wurde 13. Mit an Bord waren u.a. auch Lothar Preißler
und Hans-Joachim Meyer vom 100 Marathon Club und vier LäuferInnen der DJK
Adler Bottrop, Veranstalter des 50ers Anfang November. Man
sieht schon: unvorbereitet oder gar durch eine Biertischwette getrieben
geht in ein solches Rennen niemand rein. Bei einem Teilnehmerlimit von 100
sind erst mal 102 gestartet, 84 kamen tatsächlich am Ende auch in Basel
an. Hauptausfallgründe waren akute Sehnenprobleme und auch Probleme im
Verdauungstrakt, die bekanntermaßen die letzte Kraft kosten können. Die
ganze Woche über war das Wetter sehr laufgerecht, größere Katastrophen
blieben völlig aus. Mir,
die ich selbst in dieser Woche „nur“ 98 km als Markierungseinsammlerin
laufend auf der Strecke war, wird dieser wunderbare Lauf sehr nachhaltig
in Erinnerung bleiben: die wirklich wunderschönen Ausblicke, das schon
natürlich auch sehr anstrengende Geläuf (über Stock und über Stein,
aber brich’ Dir nicht das Bein), die gute Stimmung in der Gruppe, eine
Art Zusammengehörigkeitsgefühl, wie es bei Eintagesläufen auch in der
eh familiären Ultraszene nicht aufkommen kann... wieviel beeindruckender
muß das alles für die sein, die die gesamte Strecke von Genf nach Basel
zu Fuß zurückgelegt haben. Infos
und Ergebnisliste gibt es unter www.swissjuramarathon.com
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