Laufen auf ausgetretenen Wanderpfaden |
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Was verbirgt sich hinter „45-47-37-42-53-49-50“ oder auch: „Genf - St. Cergue – Vallorbe – Fleurier – La Chaux de Fonds – Biel – Balsthal – Basel“? Des Rätsels Lösung heißt „Europas längster Berglauf“ oder auch: Swiss Jura Marathon. 323 km gespickt mit nahezu 10.000 Höhenmetern, die obigen Zahlen entsprechen den einzelnen Etappenlängen. Urs Schüpbach, Jahrgang 1945 und ehemaliger Schweizer National-Marathonläufer, lief 1987 als Testläufer innerhalb von 7 Tagen von Basel nach Lugano. Dieser Lauf führte ausschließlich über Straßen mit normalem Autoverkehr, was schon vor 17 Jahren nicht ganz einfach war. Wieviel schlimmer solch ein Projekt im Jahr 2004 aussehen würde, kann sich sicher jeder selbst ausmalen. Der Lauf scheiterte aber auch schon im Vorfeld an der Finanzierung und so war der Weg frei für Schüpbachs Plan, einen 7-Tage-Lauf über verkehrsfreie (Wander)Wege durchzuführen. Der Jura-Höhenwanderweg war dazu eine ideale Route. Im Frühjahr 1989 bewältigte Urs Schüpbach die Strecke zuerst testweise mit dem Mountainbike, danach beteiligten sich insgesamt 10 LäuferInnen an einem Probelauf – 4 von ihnen durchliefen gleich die ganze Strecke. Der Swiss Jura Marathon war geboren. Im Jahr 1990 wurde er direkt zum ersten Mal durchgeführt – damals noch mit der Grundvoraussetzung, daß niemand die Strecke alleine zurücklegt, vielmehr mußten 3er- bis 4er-Teams gebildet werden, das Tempo richtete sich dabei natürlich nach dem Langsamsten der Gruppe. Gleich im ersten Jahr bekam Schüpbach 45 TeilnehmerInnen zusammen, das steigerte sich dann in den kommenden Jahren auf über 100. Im Jahr 2000, dem letzten Jahr, in dem man sich die Etappen auch zu zweit teilen konnte, waren gar 140 LäuferInnen auf der Strecke. Diese Zahl war aber für alle Beteiligten äußerst grenzwertig und so besann man sich auf „klein aber fein“. Die Staffetten wurden abgeschafft, das Teilnehmerlimit liegt bei 100. Seit 1995 wird der Swiss Jura Marathon nur noch im Zweijahresrhythmus als Wettkampf durchgeführt, die Jahre dazwischen (also immer in den Jahren mit ungerader Jahreszahl) können die Laufwilligen die 323 km als sog. Trail absolvieren. Dabei wird in 5 Gruppen gelaufen, die langsamste Gruppe startet zuerst, wird dann im Laufe des Tages von den Schnelleren eingesammelt. Die jeweils vorne liegende Gruppe markiert die Strecke, die letzte sammelt die Bänder wieder ein. Der Trail hat einige Vorteile für Organisation und SportlerInnen: so braucht man deutlich weniger Helfer (immerhin 37 waren es in diesem Jahr) als im Wettkampfjahr, die ganze „Sache“ ist wesentlich entspannter. Die Läufer haben auch mal Zeit, die Landschaft und die wunderschönen Aussichten zu genießen, die das Jura bietet – das geht im Wettkampf einfach zu oft unter. Zudem ist der Trail ideal für Einsteiger, die Angst haben, sich diese vielen Kilometer gleich im Wettkampf zuzumuten. Und last but not least finden sich immer wieder Wettkampfteilnehmer, die sich bereit erklären, in den Trailjahren als Gruppenführer zu fungieren. Aber auch in den Wettkampfjahren wird zwischen zwei verschiedenen Teilnahmemöglichkeiten unterschieden. Da sind zum Einen die „Runners“. Wie das Wort schon sagt: hier wird wirklich um die Wette gelaufen. Der Zielschluß beträgt täglich, abhängig von Länge und Schwierigkeitsgrad der jeweiligen Etappe, zwischen 6 und 7 Stunden. Und dann sind da die sogenannten „Finisher“. Diese starten ab dem zweiten Tag 2 Stunden vor den Runners, haben damit 120 min mehr Laufzeit, kommen aber in keine Zeitwertung. Die Grenze zwischen den beiden Gruppen kann fließend sein. Selten wird ein Finisher zu den Runners wechseln, aber es gibt immer wieder und gegen Ende der Woche immer mehr Runners, die sich lieber den Finishern zuordnen lassen – oder zwangsweise dort einsortiert werden, wenn sie den Zielschluß an mehreren Tagen nicht einhalten konnten. Am Ende zählt weiter hinten im Feld ja eigentlich eh nur, daß man die Tor-Tour gut über- und vor allem bis zum Schluß durchgestanden hat. Was sind das nun für Läufer, die sich einer solchen Prüfung unterziehen? Ganz klar: Anfänger ist da niemand. Aus Biertischwetten, wie bei Marathons inzwischen leider schon mal üblich, entsteht eine solche Laufwoche auch nicht. Die überwiegende Zahl derer, die sich dem Abenteuer Swiss Jura Marathon stellen, sind gestandene Ultraläufer. Nur wenige kommen ins Jura und haben nie mehr als Marathon unter die Füße genommen. Die relativ niedrige Ausfallquote von nicht mal 20% spricht für sich – und die entsteht ganz überwiegend durch Sehnen- und Magenprobleme. Ganz stark vertreten ist, wie so oft, die gut organisierte deutsche Ultraszene. 2004 kamen die Teilnehmer aus 9 Ländern, über 60% aus Deutschland. Der Rest verteilte sich auf die Schweiz (32%), Luxemburg, Österreich, die Niederlande, Italien, Belgien, Finnland – und Kanada. Vier LäuferInnen hatten den Weg über den großen Teich nicht gescheut, die Ersten waren sie aber nicht, auch früher schon machten Teilnehmer aus Übersee das Jura unsicher. Der jüngste Teilnehmer 2004 war gerade mal 17 Jahre alt. Christian Flegel aus Bärenstein (D) wurde von seinem Großvater über die Strecke begleitet. Auch der älteste Teilnehmer kam aus Deutschland: Karl-Ernst Rösner, den sie alle „General“ nennen, ist Jahrgang 1938 und betätigt sich in Trailjahren auch als Gruppenführer. Die Stimmung ist, wie das bei Ultraläufen eigentlich immer und überall üblich ist, ziemlich familiär. Viele kennen sich schon von anderen Schandtaten oder haben sich, das 21. Jahrhundert läßt grüßen, zumindest schon übers Internet kennengelernt (eine gute Plattform dazu ist zum Beispiel www.steppenhahn.de, DIE Ultraseite für Läufer im deutschsprachigen Raum). Andere lernen sich im Laufe der Woche kennen, die Gruppe wächst zusammen. Natürlich kommt auch der Wettkampfgedanke nicht zu kurz, aber wenn man nachmittags im Ziel ist, spielt sich das Ganze auf sehr freundlicher Basis ab. Oft sah man in diesem Jahr die Führenden gemeinsam am Abendbrottisch sitzen. Und das ist auch gut so, denn (Klein)Kriege könnte man auch nur schlecht vertragen, auf zu engem Raum lebt man für 7 Tage unter Extrembelastung: geschlafen wird in Zivilbunkern, Turnhallen und Eishallen. Frühstück und Abendessen werden gemeinsam eingenommen, nach dem Abendessen gibt’s noch eine Wettkampfbesprechung für den nächsten Tag und um 22 h geht das Licht aus. Zeit, sich die Gegend auch zwischendurch noch quasi-urlaubend anzugucken, bliebe selbst dann kaum, wenn Kraft und/oder Lust in ausreichender Menge vorhanden wären. Einchecken ist immer am ersten Samstag im Juli – um 16 h sollten die Läufer vor Ort in Genf sein, dann erfolgen Startnummernausgabe, Einweisung, gemeinsames Essen und das Einstimmen auf das, was in den kommenden Tagen vor den scharrenden Laufschuhen liegt. So richtig los geht’s dann sonntags in aller Herrgottsfrühe, nämlich um 8 h, direkt am Genfer See. Bei Kaiserwetter, wie es in diesem Jahr vorhanden war, guckt der Mont Blanc aus der Ferne zu, die legendäre Wasserfontäne steigt zum Willkommen in die Luft und auf los geht’s los. Die ersten 28 km bis zur Colonie St. Gervais sind flach, die Muskeln können und sollen sich erst mal auf die Strapazen einstellen. Danach wird’s aber das erste Mal so richtig steil, auf 10,5 km sind 570 Höhenmeter zu überwinden. Auf den letzten 7 km der ersten Etappe wird die Oberschenkelmuskulatur (in Läuferkreisen auch „Bremsmuskel“ genannt) dann auch gleich so richtig gefordert, es geht nämlich auch gleich wieder 400 Höhenmeter in die Tiefe. Wohl dem, der seine Kräfte auch auf dem flachen „Einlaufstück“ gut einteilt, eine Woche kann ganz schön lang sein. Man befindet sich längst auf dem Jura-Höhenwanderweg, im frz. Teil der Schweiz „Chemin des Cretes“ genannt. Eigentlich ist der Weg mit einem roten und einem gelben Dreieck markiert. Da die Strecke aber natürlich, vor allem hin zu den Etappenorten, auch davon abweicht und die Wandermarkierungen für schnelle Füße weniger gut sichtbar an den Bäumen angebracht sind, wird die Laufstrecke alltäglich von 3 Markierungsteams mit Flatterbändern und Pfeilen markiert, 4 weitere HelferInnen sammeln dann hinter den Letzten das ganze Material wieder ein. Auf dem Weg nach Vallorbe geht es am zweiten Tag über La Neuve (höchster Punkt bei 1.494 m), schon aus der Ferne kann man bei guter Sicht den Lac du Joue sehen, hat diesen bei km 39 erreicht. Die Steigungen sind an diesem Tag recht stetig, aber größere Raufs und Runters bleiben noch aus. Davon bekommt man dann am dritten Tag schon mal einen Vorgeschmack: Start bei 750 m, nach 12 km befindet man sich am Le Suchet auf 1.530 m, einen guten km später nur noch auf 1.356 m. Der höchste Punkt dieser Etappe Richtung Fleurier ist bei km 27 auf dem Le Chasseron erreicht, 1.607 m über dem Meer. Auf der vierten Etappe wird dann Bergfest gefeiert. Gegen Ende des Tages hat man die Hälfte aller zu bewältigenden Kilometer in den Beinen. Die ersten 15 km bis Noiraigue sind richtig langweilig, viele Läufer kommen dort leicht genervt und im Nieselregen beim zweiten Verpflegungsposten an: nur Asphalt und das noch brettflach, so was will ja eigentlich niemand laufen, der zum Swiss Jura Marathon kommt. Aber nach diesem Einrollen geht’s dann auch gleich los, die nächsten 6 km bringen 492 Höhenmeter. „La Tourne“, „Grand Sagneule“ und „Grand Pradiéres-Dessus“ stehen u.a. für diesen Tag auf dem Etappenplan, bis das Ziel in La Chaux de Fonds erreicht ist. Der fünfte Tag bringt wieder ausreichend Höhenmeter auf breiter und ganzer Front, der höchste Punkt auf der langen Strecke nach Biel ist der Chasseral (1.607 m). Der Zieleinlauf in Biel liegt wunderschön direkt am See, der Empfang von offizieller Seite ist herzlich, der Hausmeister der Unterkunft, dem Gymnasium am See, kocht sogar nahrhaftes Risotto für den laufenden Tross. Von nun an befindet man sich im deutschsprachigen Teil der Schweiz. Die sechste Etappe führt die LäuferInnen nach Balsthal. Richtig lange Steigungen gibt es hier, wenn man km 12,5 erreicht hat, kaum noch, aber die kleinen sind zahlreich und haben es in sich – vor allem, wenn man bedenkt, daß schon 224 km bewältigt sind, wenn man sich morgens aus dem Schlafsack schält. Und dann ist es soweit: mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehen die TeilnehmerInnen am Samstag eine Stunde früher als normal auf die letzte Etappe, die auf dem Münsterplatz in Basel endet. Und auch die hat’s noch mal in sich, der höchste Punkt ist bei km 15 am Chellenchöpfli (1.169 m) erreicht, zwischen km 17 und 22 geht’s steile 415 m nach unten – da freut sich die Bremsmuskulatur. Bei km 43 ist die Höhe von Basel erreicht und die letzten 7 km dienen zum Austrudeln – es sei denn, man will oder kann noch ein paar Plätze gutmachen. Ein letztes Mal setzt sich die ganze Truppe zusammen, alle werden geehrt, bekommen die verdiente Laufuhr überreicht – schließlich bewegte man sich in den letzten Tagen entlang der Uhrmacherstraße. Verlierer gibt es hier keine – jeder, der 323 km in einer Woche zu laufen imstande ist, ist ein Sieger. Der Rennsteiglauf in Thüringen trägt ja noch immer den Beinamen „Längster Crosslauf“, aber die Strecke dort ist wirklich eine Autobahn gegen das, was die Läufer in weiten Teilen des Juras erwartet. Es geht über Stock, Stein und Wurzel, durch tiefen Schlamm, über Viehweiden und auch schon mal über umgekippte Bäume. Natürlich gibt es auch gut befestigte Streckenteile bis hin zu Asphaltstücken, schließlich zieht die Karawane ja jeden Tag in einen anderen Ort am Fuß der Berge ein. Der Swiss Jura Marathon ist also sowohl von der Streckenlänge als auch von den zu überwindenden Höhenmetern und letztlich auch dem Geläuf ein anspruchsvoller Lauf, der seinesgleichen sucht. Die Sieger 2004 kamen aus Deutschland: Thomas Miksch und Carmen Hildebrand sind beide im deutschen 100 km-Nationalteam und haben im Jura beide ihren ersten Etappenlauf absolviert. Aus Schweizer Sicht sind natürlich auch ein paar Namen zu nennen: Helena Althaus aus Arlesheim wurde Zweite in der Frauenwertung, nachdem sie die ersten 4 Etappen gewonnen hatte. Die berufstätige Mutter zweier Kinder hatte bisher nie mehr als die Marathonstrecke bewältigt und wurde von ihrem Mann Rolf (10. des Gigathlon 2002) überredet, eine Woche Lauf“urlaub“ zu machen. Bester männlicher Schweizer war Christian Fatton. Der 35jährige aus Noiraigue war nicht das erste Mal dabei, organisiert sich sehr professionell und wurde, nachdem er 2002 Platz 9 belegt hatte, diesmal mit einem 3. Platz belohnt. Mit an Bord war auch Martin Wagen, wie immer umsorgt von seiner Freundin Alexa, die er noch diesen Sommer heiraten wird. Der Oberwiler hat 2002 den Run across America gewonnen, war letztes Jahr Zweiter beim Transeuropalauf von Lissabon nach Moskau und ist den Swiss Jura Marathon von Vornherein ohne Ambitionen und nur für sich und die Lauffreude angegangen. Der älteste Helfer wurde in der Jurawoche 77 Jahre alt: Andreas Engler hat den SJM 2x als Wettkämpfer und 3x als Gruppenführer erlebt, lief 2003 noch die halbe Strecke und sammelte 2004 über etwa 100 km Markierungsbänder ein. Der topfitte Pensionär aus Oberrieden ist in seinem Leben schon mehrfach um die Welt gelaufen, über 140.000 km stehen für ihn zu Buche. Im Juni war er gerade noch beim LGT Alpine in Liechtenstein am Start und er hat erst vor, die Marathonstrecke zu verlassen, wenn er die Zeitlimits nicht mehr schafft. Alle Informationen rund um das Laufabenteuer Swiss Jura Marathon findet man übrigens im Internet unter www.swissjuramarathon.com
geschrieben für das Schweizer Ausdauersportmagazin "fit for life", Heft August 2004
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