Wehe, wenn sie losgelassen

Alle Jahre wieder findet in Frankfurt Anfang März der Halbmarathon von Spiridon Frankfurt statt, dieses Jahr zum zweiten Mal als City-Halbmarathon. Die alte Waldstrecke wurde im letzten Jahr gegen 21,1 km Asphalt getauscht. Und die neue Strecke zieht, allerdings auch dem Boom entsprechend, noch deutlich mehr TeilnehmerInnen an als der Frankfurter Stadtwald.

 

Einmal mehr war Artur Schmidt Moderator – und ihm hatte es das Laufvolk zu verdanken, daß der Start mit 2-3 min Verzögerung erfolgte. Die Interviews waren ihm wichtiger und so war es nicht verwunderlich, als die Meute applaudierte, als er endlich meinte, er gebe jetzt die Laufstrecke frei.

 

Um kurz nach 9 h wurden also viele Laufwillige am Frankfurter Nordwestzentrum auf die Strecke geschickt. Wie viele genau angetreten waren, ist nicht genau bekannt – ins Ziel an derselben Stelle kamen jedenfalls 2.475 und damit 51 weniger als im Vorjahr, vorangemeldet waren 2.279. In der Startliste fand man alleine 84 AthletInnen des ausrichtenden Vereins Spiridon Frankfurt, die nicht als Helfer gebraucht wurden. Vor allem die schnellen Jungs und Mädels waren dabei, denn sie trainieren derzeit allesamt für die Deutsche Marathonmeisterschaft in Hannover, wollen zumindest in den Mannschaftswertungen eine gute Figur machen. Nur der Shootingstar 2003, der Ire Cian McLoughlin, fehlte. Er trainiert derzeit in den Höhenlagen Marokkos bei Minusgraden für den London-Marathon, weil er dort die irische Olympianorm, die bei 2:15 h liegt, knacken will. Da paßte der heimische Halbmarathon gerade nicht in den Trainingsplan.

 

Die ersten Kilometer legt man auf der Schnellstraße namens „Rosa Luxemburg-Straße“ zurück und für viele Einheimische liegt der Reiz dieses Laufs darin, „die Rosa“ mal anders als im Auto überwinden zu können. Dann geht’s ein kleines Stück auf der Miquelallee bis zur Kreuzung „Hansaallee“. Dort, wo früher die Amerikaner residierten und heute der neue Uni Campus Westend sich ausbreitet, biegt die Streckenführung rechts ab Richtung Innenstadt. Über die Hansaallee geht’s in Höhe Wolfgangstraße auf die Eschersheimer Landstraße, das Eschenheimer Tor, einer der alten Frankfurter Türme, ist bei km 7 erreicht. Im letzten Jahr mußte man hier links in die Bleichstraße abbiegen, aber weil’s da so eng wurde, war die zwei Mal zu durchlaufende Innenstadtrunde in diesem Jahr entgegengesetzt zu laufen. Über die Hauptwache, Kaiserstraße und den Willy-Brand-Platz runter zum Main, dort links ab am Ufer entlang (unter anderem auch ein Streckenabschnitt des Ironman Germany im Juli) läuft man bis zur Alten Brücke. Nächster Linksknick – und ab dafür, an den Stadtwerken und dem Dominikanerkloster vorbei auf der Kurt-Schumacher-Straße bis hoch zur Bleichstraße. Und weil’s so schön ist, kommt hier die nächste Linkskurve und die Bleichstraße bringt die LäuferInnen wieder zum Eschenheimer Tor. Nach der zweiten Stadtrunde biegt man hier dann rechts ab und läuft die ersten sieben Kilometer einfach wieder zurück. Die letzten Meter hoch zum Nordwestzentrum haben es dann noch mal etwas in sich.

 

Das erfrischende Naß (Tee, Wasser, Apfelschorle) gab’s dann nicht an Ort und Zielstelle sondern oben im Einkaufszentrum selbst, was das Gedränge im Zielbereich auf ein Minimum reduzierte. Jeder ging zügig durch, um möglichst schnell an die Getränke zu kommen.

 

Auch in diesem Jahr hatten die Schnellen ein paar Probleme beim Start in die zweite Cityrunde. Durch die neue Streckenführung war der Engpaß, der sich letztes Jahr in der Bleichstraße abgezeichnet hatte, zwar ziemlich entschärft, aber nach nicht mal einem Kilometer war am Roßmarkt die Verpflegungsstelle aufgebaut – und leider nur auf der linken Straßenseite. Dadurch liefen die Langsamen natürlich alle wie auf Kommando nach links und versperrten den Schnellen so den Weg und auch den Griff zum Becher. Wohl dem, der keine Verpflegung aufnahm und sich deshalb an dieser Stelle flugs nach rechts umorientieren konnte. Ein Aufbau der Verpflegungsstelle auf beiden Straßenseiten wäre sicher sehr sinnvoll.

 

Die Spitze wurde einmal mehr von Inlineskatern der Tuesday night skater begleitet, die ihnen glücklicherweise den Weg frei machten.

 

Insgesamt ist die ganze Strecke alles andere als flach, aber die Abwechslung von runter, flach und rauf ist offenbar so gut getroffen, daß es viele Bestzeiten hagelte, wie man den After-run-Gesprächen entnehmen konnte. Dazu kam, daß das Wetter gut mitspielte, nach dem Schneefall des Vortages hatte man schon Schlimmstes befürchtet. Aber es blieb zum Glück trocken und die Temperaturen waren äußerst lauftauglich.

 

In diesem Jahr fehlten die Kenianer am Start und so findet man ganz vorne in der Ergebnisliste viele in der regionalen Laufszene bekannte Namen.

 

Bei den Männern setzten sich der Gewinner des München-Marathons 2003, Gamachu Roba vom ASC Darmstadt und der eigentliche Favorit Alexander Bolkhovitin aus Russland (Jahrgang 1971 und 1999 beim Prümtallauf über 10 km Sieger in 29:44 min und 2003 beim Wachaumarathon in Österreich noch in 1:04:45 h über die halbe Distanz unterwegs) gleich nach vorne ab, wurden auch bis zum Ende nicht mehr eingeholt. Bei km 10 hatte der Russe noch 28 sec. Vorsprung, der bis km 14 schon auf 6 sec. zusammengeschmolzen war. Roba siegte am Ende in 1:07:12 h vor Bolkhovitin, der 1:08:07 h brauchte. Im letzten Jahr war Roba 14 sec. schneller – und damit „nur“ Dritter.

 

Eng wurde es auch hinter den beiden, Martin Schonberger, Tobias van Ghemen und Adrian Wodniok blieben bis km 13 zusammen, dann riß der Mengerskirchener Schonberger aus und erreichte das Ziel als 3. in 1:10:09 h. Wodniok wurde 4., van Ghemen 5. und Platz 6 belegte der Spiridion-Neuzugang Frank Zimmer.

 

Damit hat Adrian ein Essen an den Elften Jürgen Zehnder verloren, denn eigentlich wollte er 1:09:30 h laufen, schaffte es nach einem Sturz war mit immerhin noch 1:11:07 h ins Ziel, aber für das Essen war’s denn doch zu wenig.

 

Tobias van Ghemen (ebenfalls ASC Darmstadt) lief zum ersten Mal in Frankfurt  und war voll des Lobes für die schnelle, aber wellige Strecke. Kilometer 10 erreichte er nach 32:41 min, diese Durchgangszeit war für ihn seine Saisonbestzeit über 10 km. Danach gingen ihm die Oberschenkel zu, das Nordwestzentrum erreichte er nach 1:11:18 h. Tobias wird am 15. Mai in Mannheim sein Marathondebut geben. Mit an Bord werden dann auch sein Bruder Markus und der heutige Sieger Gamachu Roba sein.

 

Auch Frank Zimmer lief über die ersten 10 km neue Saisonbestzeit, dann bekam er Seitenstechen und konnte sein hohes Tempo nicht halten. Zusammen mit seinen neuen Vereinskollegen von Spiridon Frankfurt, Adrian Wodniok, Frank Jiptner und Haimo Kiefer wird er in Hannover an den Start gehen, alle vier wollen die magische 2:30 h-Marke unterbieten.

 

Auf Platz 8 vervollständigte Omar Hamdaoui mit einer neuen persönlichen Bestzeit von 1:12:35 h die siegreiche Mannschaft des ASC Darmstadt. Die Mannschaftsplätze 2 und 3 belegten Spiridon Frankfurt I und II.

 

Knapper als bei den Männern ging es ganz vorne bei den Frauen zu. Die Siegerin, Lem Lem Hüls aus Äthiopien, lag bei km 10 noch fast eine Minute vor ihrer Konkurrentin Petra Wassiluk. Die holte auf der 2. Hälfte mächtig auf, war ab km 17 bei und kam am Ende mit 1:17:47 h nur 3 sec. hinter der 10 Jahre jüngeren Athletin aus Afrika ins Ziel. Damit war Petra sogar noch eine Minute schneller als im Vorjahr und das, obwohl sie Anfang der Woche erst aus den USA zurückgekommen ist und das Jetlag noch nicht ganz überwunden hat. Petra war rundum zufrieden mit sich und dem Lauf. Sie trainiert nur noch 3 bis maximal 5x pro Woche, zu ihren Vollprofizeiten hatte sie 12 Einheiten auf dem Wochenplan. Belastungstraining ist für sie gar kein Thema mehr, ihre Tempoeinheiten absolviert sie ausschließlich im Wettkampf – und strahlte übers ganze Gesicht ob der Tatsache, daß sie mit so wenig Training noch so gute Ergebnisse erzielen kann.

 

Als 3. Name taucht wiederum „Bolkhovitin“ auf. Elena Bolkhovitin lief nach 1:20:52 h über die erlösend piepsenden Zielmatten auf dem Erich-Ollenhauer-Ring. Vierte wurde die vereinslose Christine Defland aus Hofheim in 1:24:20 h vor Martina Groß vom MTV Kronberg (1:24:34 h) und der besten Spiridon-Frau Renata Baum (1:25:02 h). Renata lief (O-Ton) viiiiiiiiiiiiel zu schnell los, auch ihre 10 km-Durchgangszeit bedeutet Saisonbestzeit über die kürzere Distanz. Insgesamt war sie dann 5 sec. langsamer als im Vorjahr. Auch Renata bereitet sich auf Hannover vor, will dort 2:58 h laufen, ihre bisherige Marathonbestzeit liegt bei 2:59:45 h.

 

Auch für Martina Groß lief es heute gut, sie wollte unter 1:25 h bleiben und das gelang ihr – trotz gegen Ende auftretender Rückenprobleme.

 

Der Pechvogel des Tages heißt sicher Alexander Hempel. Erst hatten ihm Einbrecher nachts zuvor das Haus ausgeräumt und zu allem Überfluß auch seinen extra schon bereitgestellten Wettkampfschuh mitgehen lassen – und dann bekam er unterwegs auf der Strecke auch noch Magenprobleme. Nach exakt 33 min über die ersten 10 km kam er letzten Endes austrudelnd mit 1:18:46 h als 6. ins Ziel.

 

Eine Sekunde hinter ihm erreichte Kai Hundertmarck die Zielmatten. Der Ex-Radprofi bereitet sich auf den Ironman Frankfurt vor, wo er, wie man in diversen Interviews der letzten Tage hören und lesen konnte, Lothar Leder & Co das Fürchten lehren will.

 

Über alle Backen strahlte übrigens auch LAUFREPORTer Ronald Vetter, der, wie so viele, seine alte persönliche Bestzeit pulverisierte und mit 1:44:55 h in neue Bereiche vorstieß.

 

Einmal mehr sorgten die Damen der SG 1877 Frankfurt Nied für tolle Ergebnisse in ihren Altersklassen. Hervorzuheben ist sicher die Leistung von Marianne Ritter. Die fitte W70erin brauchte nur 2:07:16 h für die halbe Marathonstrecke und ließ damit locker 245 zum Teil deutlich Jüngere hinter sich.

 

Unsäglich folgender Spruch von Artur Schmidt:. einem nicht ganz superdünnen Läufer, der nach 2:02 h ins Ziel kam, rief er übers Mikro zu: „In der Wertung „gelaufene Zeit geteilt durch Körpergewicht“ hättest Du gute Chancen, ganz vorne mitzulaufen“. Das ist m. E. schon eine Geschmacklosigkeit, die ihresgleichen sucht.

 

Da das Nordwestzentrum, bedingt durch einen neuen Manager, nicht mehr als Sponsor fungierte und auch nicht, wie im Vorjahr, einen verkaufsoffenen Sonntagnachmittag an den Lauf anschloß, fand die Siegerehrung dieses Jahr leider in der Ballsporthalle und damit wieder unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Schade – das Ambiente war im letzten Jahr wirklich schön, da viele Shopper einfach aus Neugierde stehen blieben, was der Siegerehrung einen schönen und auch applausreichen Rahmen verlieh.

 

Die Ergebnisliste und erste Fotos gibt’s im Internet unter www.spiridon-frankfurt.de

 

 

für laufreport im März 2004

(Bericht wurde um die Passagen über A. Schmidt entschärft, das hier ist das Original)