Einsatz in Mainhattan

Vielleicht lag’s ja an der Kälte und der dicken Schneedecke, die Frankfurt am Vortag unter sich begraben hatte, daß beim 2. City-Halbmarathon von Deutschlands größtem Laufverein, Spiridon Frankfurt, am 07. März 2004 so viele Läufer neue persönliche Bestzeiten oder auch „nur“ sehr gute 10 km-Zwischenzeiten hinlegten?

 

Fakt ist, daß die Quecksilbersäule im Thermometer beim Start um 9 h kaum über die 0 hinauskam. Und so waren dann auch alle froh, sich Richtung Stadt bewegen zu können. „Richtung Stadt“ deshalb, weil Start und Ziel am Nordwestzentrum liegen – einem Einkaufszentrum am nordwestlichen Stadtrand, von hier sind es gut 7 Laufkilometer bis hinunter in die Innenstadt und an Deutschlands längste Einkaufsstraße, die Zeil. Diese 7 Kilometer sind angereichert mit viel Schnellstraße, ein bißchen Ausfallstraße und einigen Straßenzügen durch Wohn- und Bürogebiete. Vor allem auch die Schnellstraße mit Namen Rosa-Luxemburg-Straße hat es den Frankfurter Läufern angetan, denn hier kann man sich sonst wirklich nur per Auto oder Motorrad fortbewegen, für Kleinmotoriges, Fahrräder oder gar Schusters Rappen ist sie tabu.

 

Ist man erstmal in der Stadt angekommen, mußte man zwei 3,5 km lange Runden durch die City drehen, unterbrochen von einer Verpflegungsstelle, an der fleißige Helferhände Tee, Wasser und Apfelschorle verteilten. Zuerst kommt man oben an der Hauptwache an der Zeil vorbei, läuft dann weiter durch den Anfang der Kaiserstraße (dort, wo von Bahnhofsgegend und Rotlichtviertel noch nichts zu merken ist) vorbei am ehrwürdigen Frankfurter Hof. Am Willy-Brand-Platz, wo Oper, Schauspiel und im Moment auch noch die Europäische Zentralbank zuhause sind, biegt man links ab Richtung Main, läuft unten am Main linksrum zurück, vorbei am Eisernen Steg und dem Eingang zum Römerberg, um dann an der Alten Brücke wiederum links abzubiegen. Jetzt läßt man das Dominikanerkloster links und das jüdische Museum rechts liegen und befindet sich plötzlich am anderen Ende der Zeil. Nach einem neuerlichen Linksknick und einem Blick auf die Peterskirche linker Hand ist man schon wieder am Eschenheimer Tor, dem Ausgangspunkt der Innenstadtrunde. Hier tummelten sich auch ein paar wenige Zuschauer. Ein bißchen mehr Werbung in der Stadt hätte der Veranstaltung sehr gut getan, der Lauf fand leider fast gänzlich unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.

 

Wenn man das sightseeing-Programm zweimal absolviert hat, darf man wieder rechts abbiegen und die ersten sieben gelaufenen Kilometer sind auch die letzten. Konnte man es zu Beginn des Wettkampfs ein bißchen stadteinwärts rollen lassen, kam man nun in den sicher teilweise recht zweifelhaften Genuß, die langgezogenen Buckel jetzt wieder rauflaufen zu dürfen. Am giftigsten war der letzte Anstieg knapp 200 m vorm Ziel – an den morgendlichen „Abstieg“ konnten sich Ortsunkundige nach fast 21 km gar nicht mehr erinnern.

 

Der Frankfurter Halbmarathon war schon immer gut besucht, über 20 Jahre hatte er sein Domizil im Stadtwald am Waldstadion. Da dieses umgebaut wird und nicht mehr genutzt werden kann, war 2003 ein kompletter Umbruch angesagt im Hause Spiridon und man zog in die Stadt. Bis zum Meldeschluß 2004 hatten sich immerhin 2.279 Laufwillige angemeldet, die meisten von ihnen dürften auch angetreten sein, immerhin wurde die Startgebühr gleich nach der Anmeldung vom Konto abgebucht. Da Nachmeldungen (gegen Aufpreis) möglich waren, kamen letztlich 2.475 ins Ziel.

 

Hatte man zur Premiere noch Luminita Zaituc und einige KenianerInnen an den Main gelockt, zeigte sich das Feld dieses Jahr ein bißchen bodenständig-regionaler, aber nicht minder gut besetzt. Zwar kommen sowohl die Siegerin als auch der Sieger aus Äthiopien, aber nur Lem Lem Hüls, die die Frauenkonkurrenz bei ihrem ersten Start außerhalb Afrikas mit denkbar knappem Vorsprung von nur 3 Sekunden vor Petra Wassiluk gewann, ist sozusagen noch ganz waschecht. Gamachu Roba, der schnellste der angetretenen Männer, hat zwar auch die äthiopische Staatsangehörigkeit und spricht noch wenig deutsch, lebt aber seit einiger Zeit in Darmstadt in einem Asylbewerber-Container. Roba startet für den ASC Darmstadt und trainiert unter Wilfried Raatz, der ehemals Marathon-Bundestrainer war und zum Organisationsteam des erstmalig stattfindenden Mannheim-Marathon im Mai gehört. Dort wird auch Roba an den Start gehen. Nachdem er im letzten Oktober überraschend den Münchner Marathon gewinnen konnte, liegt die Meßlatte hoch.

 

Am 07. März lief Roba zu Beginn teilweise deutlich hinter dem späteren Zweiten, dem Russen Alexander Bolkhovitin. Bei km 10 lag er noch 28 Sekunden hinter diesem, bis km 14 hatte er 22 Sekunden aufgeholt und am Ende lag er bei einer Siegerzeit von 1:07:12 h 55 Sekunden vor dem Konkurrenten. Hinter den beiden klaffte eine doch recht ordentliche Lücke. Der Drittplazierte, Martin Schonberger vom LC Mengerskirchen, erreichte die piepsenden Zielmatten nach 1:10:09 h, nachdem er sich bei km 13 von Adrian Wodniok und Tobias van Ghemen gelöst hatte.

 

Was ein Augenblick der Unachtsamkeit bewirken kann, erfuhr Adrian Wodniok. Bei km 19,5 lief der für den ausrichtenden Verein Spiridon Frankfurt startende M30er in einer Rechtskurve ziemlich nah am Straßenrand, übersah eine dort liegende Metallstange – und ging zu Boden. Nachdem er sich aufgerappelt hatte, sah er Tobias van Ghemen schon ziemlich weit vor sich, schaffte es aber als Vierter letztlich noch 11 Sekunden vor ihm ins Ziel, bevor die Sanitäter seine Wunden verarzten konnten.

 

Mit im Feld war neben vielen anderen local heroes auch Ulrich Rötzheim vom TV Waldstraße Wiesbaden. Der Sieger des ersten Weiltalwegmarathons 2003 leidet unter Fuß- und Zeitproblemen und war mit seiner 1:17:15 h auf Platz 24 zufrieden. Auf dem Weg von Schmitten nach Weilburg wird man ihn dieses Jahr nicht antreffen, weil er wegen der o.g. Probleme nicht wirklich in Form ist. O-Ton Rötzheim: „Ein Mal durch die Hölle reicht mir.“

 

Bei den Frauen führte Lem Lem Hüls bei km 10 noch 53 Sekunden vor der zehn Jahre älteren Hochleistungssportlerin a.D., Petra Wassiluk. Doch diese holte nach und nach auf und Hüls hat es wohl nur dem Jetlag der gerade erst von einer USA-Reise zurückgekehrten Darmstädtern zu verdanken, daß sie am Ende die Nase ganze 3 Sekunden vorn hatte. 1:17:44 h brauchte die Äthiopierin, 1:17:47 h Petra Wassiluk, die mit ihrer Leistung sehr zufrieden war, ist doch das Wort „Tempotraining“ inzwischen komplett aus ihrem Trainingswortschatz verschwunden. Dritte wurde Elena Bolkhovitin in 1:20:52 h.

 

Auf den Plätzen 6, 7, 10 und 11 landeten die vier schnellsten Spiridon-Läuferinnen, die, wie ihre männlichen Vereinskollegen, ausnahmslos für die Deutsche Marathonmeisterschaft in Hannover trainieren. Die älteste von ihnen ist Bettina Behning. Die W40erin muß ihren zeitintensiven Job als selbständige Anwältin und ihre Verpflichtungen als Ehefrau und zweifache Katzenmutter mit dem aufwendigen Training unter einen Hut bringen, was natürlich nicht immer einfach ist. Dennoch soll in Hannover nach Möglichkeit endlich die magische 3 h-Grenze fallen. Zum Glück hat ihr Mann als ehemaliger 2:45-Läufer Verständnis und unterstützt sie.

 

Alle Ergebnisse gibt’s im Internet unter www.spiridon-frankfurt.de

 

 

für Condition im März 2004, erschienen im April-Heft