Eigentlich ist relativ

Eiskalt war’s an diesem 28. März 2004. Und sehr früh war’s zudem, als morgens um 9 h in Eschollbrücken knapp 90 50 km-Läufer auf die Piste geschickt wurden. In der Nacht war nämlich die Uhr auf Sommerzeit umgestellt worden, gefühlt war’s also erst 8 h und die Quecksilbersäule des Thermometers hatte sich noch nicht in positive Gefilde begeben. Allerdings lugte die Sonne schon um die Ecke, es versprach ein schöner Frühlingstag zu werden.

 

Nun mag sich manch’ einer fragen „Eschollbrücken? Was und wo ist denn DAS?“. Die Antwort ist relativ einfach: wer schon mal die A5 von Frankfurt Richtung Süden gefahren ist, hat sicher auch den Hinweis „Pfungstadt“ an der ersten Ausfahrt südlich des Darmstädter Kreuzes gesehen. Eschollbrücken ist ein Ortsteil von Pfungstadt und liegt somit am nördlichen Eingang zur Bergstraße.

 

Vor gut 20 Jahren gründete Manfred Kraft die Leichtathletikabteilung des TSV Eschollbrücken-Eich. Er ist heute noch treibende Kraft und Motor der Veranstaltung, Streckenmoderator und Siegerehrer. Den Ultramarathon hat er allerdings nicht selbst nach Eschollbrücken geholt, das war vor 12 Jahren Dieter Bender, der bereits verstorben ist. Einige Jahre später kam dann als Beiprogramm noch ein 25 km-Lauf hinzu und dieser zieht heute deutlich mehr Läufer an als die Langstrecke. 60 kamen diesmal über 50 km ins Ziel, 226 über die kürzere Distanz, die erst um 11 h gestartet wurde.

 

Die Strecke ist für beide Wettbewerbe identisch, es muß eine 5 km-Runde gelaufen werden – halt einfach entsprechend oft. Aus dem Sportplatz raus geht es, rechts-links-links, hoch auf einen Damm, der ein kleines Waldgebiet umschließt. Wer hier Muße hatte und den Blick auch mal neben die Strecke schweifen ließ, konnte sehen, wie es schon kräftig grünte und blühte. Auf dem Damm läuft man 1x (mit kleinen Schlenkern) im Kreis, km 2 ist an der Stelle, an der man vorher hinlaufen durfte. Dann führt die gut markierte Route quer durch Wald und Felder, um knapp nach km 4 wieder am Sportplatz anzukommen. Jetzt kommt das, was die Veranstalter „unseren Irrgarten“ nennen: man läuft 3 Seiten entlang einer sattgrünen Fußballwiese, um an der 4. Ecke diagonal auf dieselbe abzubiegen. Hier standen Horden von Rundenzählern, die die Läufer auch mal kräftig anfeuerten. Kurz nach dem Anstoßpunkt biegt man wieder scharf rechts ab, um sich zurück Richtung Ecke 1 zu begeben. Dort geht’s dann, wieder rechtsrum, entlang dessen, was man in Eschollbrücken Tribüne nennt und direkt am Start-Ziel-Banner steht ein Schild mit der Aufschrift „km 5“, dahinter dann die Oase namens Verpflegungsstelle, an der es außer Tee und Wasser noch Apfelschorle, Cola, Malzbier, Obst und Schokolade gab.

 

Gleich zu Beginn des 50ers setzte sich Christian Messerschmidt von der LG Offenbach an die Spitze der Führungsgruppe. „Gabi, stopp mich doch mal“ rief er mir schon bei km 2 zu – eigentlich wollte er nämlich lieber einen gemütlichen langen Lauf absolvieren und ließ sich, wie das Läuferleben so spielt, von der Konkurrenz zu einer zügigeren Gangart animieren. Überhaupt war „eigentlich wollte ich doch nur....“ das geflügelte Wort des Tages, mehr dazu später. Bis Marathon lief es für Messerschmidt sehr gut, dann wurde er etwas müde und auf den letzten Kilometern noch sprichwörtlich von Ryszard Silakowsky, einem für den TV Dieburg startenden Polen, abgehängt. Silakowsky zog auf der letzten Runde noch mal alle Register und kam nach 3:31:32 h genau 4 min und 56 sec. vor Messerschmidt ins Ziel.

 

Diesem direkt auf den Fersen war Tobias Winter (TB Weiden), der am Ende 3:36:48 h vorweisen konnte.

 

Bei den Frauen gab es ein wahres „Favoritinnensterben“. Viele W’s sah man eh nicht in der Startliste und die schnellsten von ihnen mußten so nach und nach aus dem Rennen aussteigen. Und so siegte, vor allem für sie selbst überraschend, Angela Ngamkam in 5:10:57 h. Angela war im Februar zusammen mit ihrem Lebensgefährten Edgar Kluge im Yukon, hatte in der Eiswüste Kanadas am Yukon Arctic Ultra über 100 Meilen teilgenommen. 50 km bei anfänglich rund 0° C konnten sie also nicht größer schocken.

 

Zweite und Dritte wurden zwei W50erinnen: Marion Potschka-Herrmann (TV Bad Bergzabern) mußte ischiasgeplagt auf die 100 km-DM in Kienbaum am Vortag verzichten, für 50 km reichte ihr Training aber dennoch. Mit 5:30:28 h war sie zufrieden, auch wenn ihr der Lauf an sich eher hart erschien. Rosemarie Gölz (Sparkasse Rhein-Neckar Mannheim) brauchte 5:31:23 h.

 

„Eigentlich wollte ich ja nur ein lockeres Trainingsläufchen machen“ war auch das Statement des Siegers über 25 km, Christian Alles aus Schriesheim. Der 3000 m-Hindernisläufer hatte aufgrund einer Virusinfektion Trainingsrückstand und wollte noch ein paar Kilometer sammeln, bevor er über Ostern ins Trainingslager ging. Da kam der 25er von Eschollbrücken gerade recht. Und irgendwie passierte es dann, daß aus dem lockeren Trainingsläufchen doch ein richtiger Wettkampf mit einem Start-Ziel-Sieg für den 25jährigen wurde. 1:30:31 h war übrigens seine Siegerzeit.

 

Ihm folgten Lokalmatador Jürgen Zehnder (TSV Pfungstadt) mit 1:31:43 h auf Platz 2 und Markus Krempchen vom 1. FC Kaiserslautern mit 1:32:22 h auf Platz 3 – heißen die Läufer des 1. FCK eigentlich auch „rote Teufel“? Lange Zeit hatten sich Krempchen und der spätere Vierte, Helmut Marenholz, ein Kopf-an-Kopf-Rennen hinter Alles geliefert, aber irgendwann fiel Marenholz zurück und Zehnder konnte sich nach vorne schieben.

 

Spannend wurde es am Ende bei den Frauen auf der kürzeren Strecke. Anfänglich hatte sich die 7fache Mutter Regina Blatz, W40erin vom LLT Wallernhausen, deutlich nach vorne abgesetzt. Ihr folgten in gebührendem Abstand Karin Risch und Sonja Rapp. Risch, Jahrgang 1946 und für den Ausrichter TV Eschollbrücken-Eich startend, wurde in der zweiten Hälfte von der 32 Jahre jüngeren Augsburgerin, die jetzt berufsbedingt im Rhein-Main-Gebiet wohnt und für ihren Arbeitgeber Polar startet, abgefangen. Rapp gehört auch zu denen, die eigentlich nur ein lockeres Trainingsläufchen absolvieren wollten, sie bereitete sich auf den Hamburg-Marathon vor. Ihr Ehrgeiz erwachte dann vollends, als sie auch noch Regina Blatz kurz vor sich laufen sah. Die km 19-24 legten die beiden gemeinsam zurück, dann mußte Blatz dem hohen Tempo Tribut zollen und Rapp mit Seitenstechen davonziehen lassen. 1:50:23 h – 1:50:57 – 1:53:45 h oder auch Rapp – Blatz – Risch: so lautet die Reihenfolge in der Einlaufliste.

 

Der älteste Teilnehmer war übrigens das IGL-Mitglied des Monats April 2004, Kurt Wührer. Der 74jährige brauchte 2:18:59 h für 25 km und kam auf Platz 187 ins Ziel.

 

Für das leibliche Wohl der Läufer und ihrer Begleiter war sowohl im Ziel als auch später in der alten Turnhalle des TSV bestens gesorgt und so war die Halle zur Siegerehrung trotz der relativ langen Zeit, die der Abschluß der Veranstaltung brauchte, voll. Jeder konnte eine Urkunde mit nach Hause nehmen, die Gesamt- und alle AK-SiegerInnen bekamen zudem noch Pokale, Medaillen und Sachpreise.

 

Fazit: eine rundum gelungene, schöne und familiäre Veranstaltung, die es verdient hat, daß man sie in den Jahresplan integriert. Der 50 km-Lauf, der mit in die DUV-Cupwertung eingeht, könnte noch ein paar Teilnehmer mehr vertragen, allerdings fand dieses Jahr am selben Wochenende in Kienbaum die 100 km-DM statt und die hatte natürlich viele Ultras nach Brandenburg gelockt.

 

Wer ein bißchen in den Ergebnislisten stöbern möchte, kann das im Internet unter www.tsv-eschollbrücken-eich-la.de tun.

 

 

für condition, erschienen im Mai-Heft